•   GudrunAdmin hat den Beitrag vor 1 Tag mit 'Gefällt mir' markiert
    Grundlagen des Obstgehölzschnittes:
    1. Obstbaumschnitt ist nicht kompliziert
    2. Obstbaumschnitt lässt sich durch Selbst- und Naturbeobachtung lernen. Normalerweise reichen 2 - 4 Schnittperioden aus, um Profi zu sein (s.u.).
    3. Alle schneiden gleich, es gibt zwar Abweichungen nach Vorlieben, Schnittschulen und Schnittformen, aber die Grundprinzipien sind immer gleich, egal ob deutsche Äpfel, usbekische Maulbeeren oder indische Mangobäume geschnitten werden
    4. wer das Gegenteil behauptet, kennt sich nicht aus (und hat noch nicht ein Expertentreffen zum Obstbaumschnitt erlebt) oder will etwas verkaufen.

    Es gibt Wuchs- und Fruchtgesetze und die gelten immer (außer im Labor oder im Weltall und selbst da ein Teil)

    1. Der Baum strebt nach oben, denn oben gibt es keine Fraßfeinde und von oben kommt das Licht
    2. Wird der Baum ungleichmäßig geschnitten, wächst er da am meisten, wo er am wenigsten geschnitten wurde (weil er nach dem "Fraß" nicht den Tieren ins Maul wachsen will, sondern dort wächst, wo nicht "abgefressen" wurde)
    3. Die Früchte werden von den umliegenden Blättern versorgt. Deshalb sind die Früchte dort besser und größer, wo ausreichend Licht ist
    (in Nord- und Mittel-Europa eher oben und außen an der Krone)
    -> wer unten ernten will, muss oben auslichten
    4. Früchte wachsen später an jetzt dünnen Jungtrieben und aus dicken Jungtrieben werden Äste. Der dünne Trieb von diesem Jahr bringt mir bald Früchte, der dicke muss erst dünne Seitenäste bilden
    5. Dünne Triebe bremsen den Wuchs und dicke fördern ihn.
    6. je flacher der Astwinkel gegenüber der Horizonthalen, desto weniger wächst er und desto mehr werden Früchte angesetzt, aber desto schlechter werden die Früchte versorgt (v.a. bei hängenden Trieben)
    Und bei flachen Ästen werden sich Triebe auf diesen entwickeln, die nach oben streben.
    7. Starker Rückschnitt führt zu starkem Austrieb (v.a. bei Schnitt in der Vegetationsruhe oder zu Zeiten mit wenig Früchten, das gilt nicht für kompletten Kronenverlust)
    8. je älter der Fruchttragende Ast ist, desto schlechter ist die Fruchtqualität und desto krankheitsanfälliger ist die Frucht und das Laub
    9. Neue Früchte für die Folgeernte werden schon während des jetzigen Fruchtbehanges angelegt.
    10. Früchte und Laub entziehen dem Baum Nährstoffe. Werden diese nicht nachgeliefert, wird die Fruchtgröße und -zahl abnehmen.
    11. Entfernen der Krone und des Spitzentriebes sorgt für schnelles Ersetzen dieser durch den Baum.

    Dazu kommt:
    - es gibt keine gesunden Bäume in der Natur
    - Wenn der Baum sich am Standort nicht wohlfühlt, vergreist er schnell, aber Schnitt kann das Problem reduzieren oder aufhalten -> nicht zu wenig schneiden
    - gut geschnitten können manche Bäume mehr als das Doppelte ihrer standortgebundenen natürlichen Lebenszeit schaffen
    - Im Norden wird die Krone ausgelichtet, um für Austrocknung der Pilzkrankheiten und viel Lichteinfall zu sorgen, im Süden wo es genug Licht gibt und trocken ist, wird darauf verzichtet, damit die Früchte keine Trockenschäden bekommen, je nach Klima muss das angepasst werden.
    - aus kranken Trieben (Holz krank) wachsen Triebe, die auch krankheitsanfällig sind

    Erst nach diesen Dingen kommen Sachen wie Schnittformen, was festgelegte Leitäste und Gerüsteäste und Fruchtäste sind. All diese Schnittformen sind dazu da, dass wir Menschen uns schneller im Baum zurecht finden und er entsprechende Eigenschaften bekommt.
    Für eine gute Ernte und einen erleichterten Schnitt können sie hilfreich sein, aber sind nicht zwingend nötig, so lange dem Standort und dem Baum entsprechend geschnitten wird. .

    Eine schöne Anektode dazu:
    Ich wurde über einen Bekannten von seiner Mutter kontaktiert. Weil der Vater sich mit dem Schnitt ihrer Bäume nicht auskennt, kein Buch liest und sich auch keinen Rat holt. Sie hatte Angst, die Bäume seien total verschnitten und müssten weg. Ich sollte mir ansehen, ob die noch zu retten wären. Der Vater ist Anlagentechniker im Wasserwerk. Im Garten macht er 2 Dinge: Rasenmähen und einmal im Jahr die beiden Apfelbäume schneiden. Die Bäume sind klein (der kleinere 2,5 m hoch und ebenso breit, der größere 4 m breit und nach einer Kroneneinkürzung nur noch 3 m hoch) aber mehr als 30 Jahre alt.
    Ich bin in den Garten gekommen und habe mir die Bäume angesehen. Ich habe sie umrundet, mir den inneren Kronenaufbau angesehen und habe mir die Kroneneinkürzung des größeren Baumes mit der Leiter von oben angesehen.
    Zusammenfassung:
    Ich konnte da nichts machen.
    Weil:
    Die waren absolut wundervoll und fachlich korrekt geschnitten.
    Seine Antwort war, dass er die Bäume seit 20 Jahren schneidet und sich merkt, was das Schneiden bewirkt und den Schnitt anpasst.
    Die haben gut geerntet und die Äpfel hatten eine gute Qualität.

    Und bei genauerem Nachfragen waren die Bäume viel besser als die vom Nachbar geschnitten, der sich "auskannte" und die Mutter sinnlos aufhetzte.

    Das Lesen von Fachbüchern ersetzt nicht die Beobachtung des Baumes. Oft werden so eher fragliche "Rote Linien" gezogen und seltsame Ideen im Denken verankert.
    Das einzige Fachbuch, was ich sehr empfehlen kann, ist "Obstbaumschnitt in Bildern" und erscheint seit den 1980ern nahezu unverändert. Es kostet um die 6 € (Stand 2020) und das haben praktisch alle professionellen Schneider (in Deutschland) daheim und das hilft sehr sich das Schneiden selbst beizubringen, weil schöne Bilder den wenigen Text ergänzen.
    Beitrag wartet auf Freischaltung
    Beitrag wurde veröffentlicht, er ist jetzt im Stream sichtbar.
Fehler beim Laden das Tooltip.