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Medikamente im K(l)ompost
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Eher Frage als Diskussion:

Aus hygienischer Sicht war die Kompostierung von Fäkalien zu Terra Preta Zeiten (siehe Terra Preta Posts in "Düngung&Kompost") höchstens eine Frage der Vermeidung der Verbreitung unerwünschter Krankheitserreger.

Heute haben wir das Problem, dass menschliche Fäkalien i.A. auch mit ausgeschiedenen Medikamenten (z.B Antibiotika, Hormonen etc.) verunreinigt sind, die sich m.W. nicht durch Kompostieren/Fermentieren und co. beseitigen lassen.

Wie wird dieses Problem in der K(l)ompost-Forschung angegangen?
(Gab's schon einen Post dazu, den ich nicht gefunden habe?)

Danke für dieses spannende Forum hier in UrbaneGärten!


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  1. vor 1 Monat
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Spannend. Danke, Volker, für die Ergänzungen.
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  1. vor 1 Monat
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Hallo Zusammen,

ich habe ein paar kleine Ergänzungen:
1. Antibiotika - was ist das älteste offiziell verwendete Antibiotika? Penicilin.
Wie wurde es ursprünglich gewonnen? Penicilin ist ein Mykotoxin des weißen Brotschimmels. Also ein ganz natürliches Gift zur Abwehr nerviger Nahrungkonkurrenten (Bakterien). Pilze stellen Antibiotika her. Früher wurde manchmal mit humusreicher "Heilerde" geheilt (es gibt auch noch andere Heilerden). Das geht wenn die Bodenpilze viele Antibiotika herstellen, um Bodenbakterien zu bekämpfen. Was passiert mit diesen Antibiotika? Sie werden auch zersetzt. Das gleiche gilt für "künstliche" organische antibiotika. Sie werden von Pilzen oder resistenten Bakterien gefressen und sind weg.
Kompost und darin enthaltene Schimmelpilze enthalten oft viele Antibiotika, da fallen die aus den Medikamenten kaum auf. -ihr findet keinen Kompost ohne Antibiotika, selbst wenn er nur aus Grünschnitt besteht, das die Antibiotika im Kompost selbst entstehen.
Achtung: Nicht alle Mykotoxine sind Antibiotika und undosierte Antibiotika / Mykotoxine können das Leben gefährden (siehe Mutterkorn). Keine Experimente an anderen, v.a. nicht an Kindern und alten Menschen mit der Heilwirkung von Komposten.

2. Klärwerk - wieso heißt das Klärwerk und nicht Reinigungswerk? Weil es nicht reinigen soll, sondern klärt. Das heißt nach dem Klärwerk ist das Wasser wieder klar. Schwebstoffe und organische Bestandteile werden zersetzt oder abeschieden und die gelösten Stoffe gehen mit ins Meer. heutzutage müssen bestimmte Stoffe wie Phosphate herausgefiltert werden und dabei wird auch ein Teil anderer Stoffe gesammelt, aber das ist nicht das Ziel der Klärwerke.
Wenn Klärwerke nicht klären würden, würden die organischen Schwebstoffe im Wasser abgebaut, dort allen Sauerstoff entziehen und die Flüsse umkippen (alle Fische und Sauerstoffatmer sterben). Deswegen wird geklärt.
Klärung erfolgt über Abscheidung und Oxidation, ggf. Chemische Nachbehandlung. Dabei werden auch Medikamente, Antibiotika und Kokain abgeschieden und zum Teil zerstört, aber ein Teil bleibt auch im Wasser zurück.

3. Aufnahme von potentiellen Schadstoffen aus dem Boden?
Pflanzen nehmen normalerweise gar keine organischen Substanzen auf, von bestimmten Chelaten und Phytohormonen abgesehen. Sie sind - im Gegensatz zu uns - Lebewesen, die aus anorganischen Stoffen organische erstellen.
Wenn Schadstoffe im Boden sind z.B. PAK, menschliche Hormone, dann nimmt die Pflanze sie meist nicht auf. Aber die Wurzel ist im belasteten Boden und wächst. Dabei wachsen die Bodenpartikel mit ein und sind vor allem im der "Wurzelrinde" verstärkt enthalten, aber auch in Ritzen oder als Belag auf der Schale der Kartoffeln, weil diese im Boden waren (Kartoffeln aus Hydrokultur haben das nicht, auch wenn ihre Wurzeln mit belastetem Wasser benetzt werden).
Blattgemüse hat die Blätter dicht über dem Boden. Dieser kommt als Staub oder Spritzwasser an die Blätter und mit ihm seine Belastungen. Deswegen ist niedriges Blattgemüse nach Wurzelgemüse das zweitmeist belastete Gemüse.
Aber da lässt sich mit Mulch einiges machen. Oder Palmkohl anbauen, weil da die Blätter ganz oben und weit weg vom Boden sind. Daher gilt, je weniger Boden an der Pflanze, desto weniger Schadstoffe im Essen.

PS: Schwermetalle sind anorganisch und gelangen deshalb weit leichter in die Pflanze.Sie lassen sich aber mit verändertem pH-Wert (neutral bis leicht basisch) gut davon abhalten und würden dann nur wie Medikamente mit dem Boden aufgenommen werden.

VG
Volker
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  1. vor 1 Monat
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Hey, danke für die Frage!

Eine Antwort: ja, ein (Groß-)Teil dessen, was wir zu uns nehmen, scheiden wir auch wieder aus; das sind zum Einen "Wertstoffe", wie Nährstoffe; aber auch "Schadstoffe" wie Krankheitserreger und Arzneimittelrückstände. Bzw. sind Arzneimittel ja im eigentlichen Sinne keine Schadstoffe, sondern organische Spurenstoffe, die uns helfen sollen bestimmte Krankheiten oder Symptome zu bekämpfen in dem wir sie gezielt zu uns nehmen; aber wenn sie dann da landen, wo wir sie gar nicht haben wollen, nämlich irgendwo in der Umwelt, dann können sie auch als Schadstoffe gesehen werden.

So, was passiert nun mit Arzneimittelrückständen...? Ich geh das mal Ort für Ort durch....

1) Klo: Arzneitmittelrückstände werden zum Großteil über den Urin ausgeschieden; ein Teil aber auch über die Fäuzes/Kacke/Scheiße. (Bei Krankheitserregern ist das übrigens umgekehrt, da wird der Großteil über Fäzes, der kleinere Teil über Urin ausgeschieden. Das ist wichtig für die Behandlung... gleich dazu mehr.)

2a) Behandlung Wassersystem: Wenn mensch ein Wasserklo benutzt, werden die Fäkalien, inklusive Wert- und Schadstoffen, mit Trinkwasser weggespült. Unterwegs werden sie mit anderen Abwässern wie Grauwasser (aus Dusche, Küche, Waschmaschine), Abwasser aus Gewerbe und so, Regenwasser, usw. gemischt (-> "Mischkanalisation") und dann ins Klärwerk / zur Kläranlage transportiert. Dort finden verschiedene Behandlungsstufen statt um das gemischte Abwasser wieder zu reinigen, zu klären. Arzneimittel werden dabei bisher nur in manchen Kläranlagen rausgeholt, nämlich aus denen die sie sogenannte "4. Reinigungsstufe" haben. Aber auch diese 4. Reinigungsstufe schafft bisher nur einen Teil der Arzneimittel & Hormone rauszuholen. Und was passiert mit allen Arzneitmitteln die in der Kläranlage nicht rausgeholt wurden? Sie werden mit dem Kläranlagenablauf und Gewässer eingeleitet, landen also in der Umwelt! Gleiches gilt übrigens für Krankheitserreger; die werden auch nicht alle rausgeholt.
(Ebenso wie Unmengen an Antibiotika, die Kühe und Schweine bekommen, deren Ausscheidungen inkl. Arzneitmittelrückständen auf die Felder gebracht werden.)
-> Ihr seht, der Status-quo ist ziemlich umwelunfreundlich was Arzneitmittelrückstände angeht. Technisch ist hier noch krasser Nachholbedarf. Gleichzeitig könnte gesellschaftlich geschaut werden, ob ne Konsum von Arzneimitteln nicht auch etwas reduziert werden kann...

2b) Behandlung Trockensystem:Wenn mensch ein Kompostklo benutzt, und dieses eine Trennung hat, dann werden Urin und Fäzes getrennt aufgesammelt. Das hat den Vorteil, dass wir sie dann auch getrennt behandeln können. Bei der Behandlung ist wichtig, dass sowohl Krankheitserreger als auch Arzneimittelrückstände eliminiert/entfernt werden. Kacke kann zum heiß-kompostiert werden. Durch die Hitze sterben Krankheitserreger ab. Arzneimittelrückstände werden durch die Aktivität der Mikroorganismen bei der Kompostierung teilweise auch abgebaut, aber nicht alle. Tendenz: akute Medikamente, z.B. Schmerzmittel werden besser abgebaut; chronische Medikamente wie Carbamazepin (Antiepileptikum und Antidepressiva) eher schlechter. Urin kann mit Aktivkohlefiltration behandelt werden. Dabei kann eigentlich alles rausgeholt werden. Die Aktivkohlefiltration wurde auch für Klärwerke angedacht und ausprobiert, ist aber wegen der großen Mengen viel zu aufwendig und teuer. Da Urin nur 1 Volumen-% des Abwassers ausmacht, könnte eine Behandlung von getrennt gesammelten Urin also viel effizienter sein und wir können wirklich Arzneimittel rausholen und nicht mehr in die Umwelt bringen.
Auf LowTech-Ebene (z.B. Eigen-Anwendung in Gärten) kenn ich leider noch keine gute Lösung. Wir arbeiten aber dran...

3) Aufm Acker, im Garten: Arzneitmittelrückstände können von Pflanzen aufgenommen werden. Tendenz: umso länger der Weg durch die Pflanze, umso weniger wird aufgenommen. Also am ehesten finden wir Arzneimitteln wieder in Karotte, Kartoffel etc., dann sowas wie Kohl, Salat, dann Tomate, dann Apfelbaum, etc.
Da wird aber nur einen Teil wieder ausscheiden; das dann im Klo schon mit anderen Sachen gemischt wird (anderer Urin, Kacke, Sägespäne...), bei der Kompostierung auch nochmal gemischt wird (mit Grünschnitt, Küchenabfall, ...) findet hier ne Verdünnung statt und was wir in Kompost wiederfinden sind nur sehr, sehr geringe Mengen; was wir in der Pflanze wiederfinden, ist noch weniger.
Eine Kollegin von mir hat mal ausgerechnet: wenn wir Getreide mit Urin düngen von einer Person die Carbamazepin regelmäßig nimmt. Und wenn wir die Menge Getreide nehmen, die eine Person in einem Jahr isst (über Brot, Kuchen Pizzateig, etc.). Dann nimmt diese Person weniger als eine Tablette im Jahr zu sich. (Gegenüber 2-3 Tabletten pro Tag, die Menschen zu sich nehmen, die damit behandelt werden.)

Fazit: ja, Arzneimittel werden wieder ausgeschieden und sind sozusagen ein globales Problem der modernen Gesellschaft, die (synthetische) Arzneimittel konsumiert. Und diese Arzneimittelrückstände landen in der Umwelt, egal welches Klo du nutzt. Der Unterschied ist, ob sie direkt in deinem Beet landen oder im Fluß oder Garten weiter weg, nahe der Kläranlage.
-> Ein Grund für die Sanitärwende, die wir fordern!

Mein Einschätzung für Gärten ist aber auch, dass es kein Grund zur Panik gibt, wenn ihr ein Kompostklo habt. In eurem Gießwasser werdet ihr auch Arzneitmittelrückstände finden ;-)

WEr mehr lesen will, z.B. hier:
https://www.naehrstoffwende.de/
https://www.igzev.de/wp-content/uploads/2019/04/Krause-et-al-2020_DIN-Risikoanalyse_DE-1.pdf

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