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Biologisch abbaubare Seifen, Tenside und Kompost
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Ein bisschen Spülwasser aus biologisch abbaubare Seife im Garten zu kippen ist wohl unproblematisch. Aber wie ist das wenn sich das um größere Menge handelt, die man einmalig dazu gibt?

Eine Freundin hat unter ihrem Bauwagen einen Abwassertank (600 Liter). Dort landet neben biologisch abbaubare Spüli, viel Urin aus ihrem Kompostklo. Ich würde gerne dieses Abwasser nutzen um einen großen Holzhäckselhaufen anzufeuchten um so schneller zum kompostieren zu bringen. Vor allem ist die Urin interessant, da die Organismen, die das Holz abbauen, Stickstoff verbrauchen, die im Urin reichlich vorhanden ist. D.h. damit unterstützt man eine hohe Aktivität diese Organismen und beschleunigt dadurch den Kompostierungsprozess.
Ich werde aus dem Internet nicht so schlau zu Tensiden. Mein Hauptbedenken wäre dass Tenside die Fortpflanzung vom Holz-abbauenden Pilze und Organismen verhindern könnten. Weißt jemand mehr dazu?

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  1. vor 1 Monat
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Hallo Miren,

es ist nicht die "Lagerzeit" die die Tenside abbaut, sondern wo und wie du lagerst. Sie zerfallen im Sonnenlicht, unter Einwirkung von Sauerstoff oder Hitze. Praktisch ist es am einfachsten, wenn sie sich irgendwo binden z.B. an Kompostteilchen.

Den pH-Wert misst du nur in Flüssigkeit, immer. Feststoffe haben keinen messbaren, sondern nur ihre gelöste Form. Du kannst den messen und wenn er zwischen 5 und 7 liegt, ist er ok. Ist er weit unter 5 solltest du etwas Kalk / Gesteinsmehl zugeben, damit es keine Säureschäden an den Pflanzen gibt. Weit über 7 sollte er eigentlich nicht liegen, falls doch, könntest du ihn mit einer Säure neutralisieren z.B. Schwefelsäure.
Alternativ: Verdünnung wirkt in beiden Fällen.

Das mit dem Urin in den Holzhäckseln ist einfacher und auch komplizierter. Du musst die Reaktionen trennen, dann geht es besser:
Der Urin tränkt das Holz, das saugt ihn auf und speichert ihn zwischen.
Dann kommt der holzzersetzende Pilz. Er ist bei normalem Holz recht langsam, denn um schnell zu zersetzen, wäre viel Pilzgewebe nötig, aber dafür fehlen im Holz wichtige Bestandtteile (Stickstoff, Phosphor, u.ä.). Also vermehrt er sich nur so stark, wie er neue Zellbaustoffe aus dem Holz bekommt, Energie bekommt er ja aus dem Kohlenstoff und das ist kein begrenzender Faktor.

Es gibt einen Wert dafür, wie schnell etwas rottet: Das C/N-Verhältnis. Ist es klein / eng z.B. 10 (also auf 10 C ein N), dann rottet das Material schnell. Ist es groß / weit z.B. 80 (also auf 80 C ein N), dann rottet es langsam.
Hier ist eine schöne Tabelle http://kompostwiki.de/anleitungen/die_richtige_mischung_finden
Hier nochmal ausführlicher http://www.natuga.de/kompostieren.html

Achtung das C/N-Verhältnis vereinfacht indem es wichtige andere Bestandteile wie P vernachlässigt, aber es ist ein guter Richtwert bei organischen Materialien.

Holz hat mit ca. 500 ein weites C/N-Verhältnis und rottet entsprechend langsam, da es fast nur aus Cellulose und Lignin besteht. Rinde mit um die 200 ein schlechtes, aber engeres, deswegen verrottet der Rindenmulch schneller als die Holzhäcksel.

Das heißt, Energie ist im Holz viel da, aber kein Eiweißbaustoff. Harn hat mit ca. 0,8 (0,8 C auf 1 N) ein extrem enges Verhältnis, dass so konzentriert schon wieder schädlich wird. Rottehemmungen passieren bei einem C/N-Verhältnis von unter 6 (Faustzahl), empfohlen wird oft ein Verhältnis von 10 - 25 (Faustzahlen).

Du kannst jetzt mit Harn-Zugabe das C/N-Verhältnis ändern, damit das Holz schneller und besser rottet. Du kannst durch ausreichende Zugabe das Holz dazu bekommen, die Hauptrotte in 6 Wochen zu schaffen und sogar Heißrotten ermöglichen (passieren nur wenn sich die Mikroorganismen schnell vermehren können, also genug N da ist).

Pass aber auf, dass du bei der Harnzugabe nur so viel gibst, wie das Holz tatsächlich aufsaugt, nicht dass etwas daran vorbei in den Boden läuft.

Wenn aus dem Holz Kompost geworden ist, ist kein schädlicher Urin mehr da bzw. nur als Teil des Kompostes. Den brauchst du nicht prüfen, ob das noch schädlich ist. Wäre es schädlich, wäre es nicht verrottet. Beim Verrotten wird das Material durchmischt und solche "Nährstoffnester" "verschwinden".
Allerdings kann es durch die Zugabe des Urins sein, dass der Kompost schnell wieder abgebaut wird, also "Nährhumus" mit guter Düngewirkung entsteht (gut für Fruchtgemüse und schnellwachsende, nährstoffhungrige Pflanzen, wie Kohl). Dieser muss anders als normaler Holzkompost dosiert werden. Ist aber im Gemüsebau zu bevorzugen..
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  1. vor 1 Monat
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vielen lieben Dank an Ari, Nike und Volker für eure detailierte Antworten!

ok, also, Lagerungszeit ist wichtig um die Primärtenside abzubauen. Was bewirken diese: Sind diese Primärtenside eigentlich diejenigen, die sich an Fettbestandteile binden?

was die pH angeht: ich könnte den pH vom Abwassser messen, aber das würde mir nicht so viel aussagen, denn ich weiß ja nicht, wie die holzabbauenden Organismen auf unterschiedliche pHs reagieren. Und außerdem: ändert sich nicht der pH dann sowieso in Kontakt mit der Luft?

Aber gut zu wissen, dass Urin Tenside bindet und damit den pH neutralisiert. Vll. ist dann tatsächlich nicht viel von den Tensiden in den Abwasser meiner Freundin übrig. Dann traue ich mich einen Versuch zu starten!

Zu Urin im Holzhäcksel und der Abbau durch Pilze habe ich allerdings (zwar keinerlei fundiertes Wissen aber doch) gute Erfahrungswerte: ein Sommerlang konnte ich beobachten, wie ein Schleimpilz immer an verschiedene Stellen von eine große (mit Urin getränkten) Holzhäcksel-Miethe aufgetaucht ist. Es hat eine Temperatur von 54° erreicht, also, voll aktiv. So ungefähr sah das Schleimpilz aus, war voll spannend:

https://www.mindenpictures.com/stock-photo/slime-mold-unidentified-species-of-mycetozoa-new-york-usa-july/search/detailmodal-0_90848672.html

Diese Miethe ist jetzt (2 Jahre später) komplett zu Erde geworden. Jetzt wäre es wäre interessant die Eigenschaften untersuchen zu lassen und z.B. herauszufinden, ob die hohe Urinkonzentration, die ich dort gegeben hatte, irgendeine wachstumshemmende Wirkung hat.

Kennt ihr eigentlich Literatur oder Webseiten zu diesem Thema?
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  1. vor 1 Monat
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Hey Miren,

normalerweise sind alle Tenside abbaubar. Das Problem ist wie von KanTe Ari beschrieben die Konzentration. Ein Tensid bindet sich an die Fettbestandteile von Viren, Bakterien und Pilzen und tötet oder beschädigt diese. Aber auch an Pflanzenwurzeln und freie Fettsäuren. Dann ist es nicht mehr reaktiv und kann abgebaut werden (von Bakterien und Pilzen).
Das heißt je mehr Tenside, desto länger dauert es, bis sie gebunden sind und desto schädlicher sind sie für den Boden.
Der zweite Punkt ist der basische pH-Wert aller Seifen - sie reagieren dadurch mit Fetten und Verseifen diese. Damit töten sie um so mehr Mikroorganismen, aber nicht nur das. Die geänderte Bodenreaktion kann die Nährstofflöslichkeit und die Nährstoffaufnahme der Pflanzen und Mikroorganismen stören.
Wuchsstockungen können der Fall sein.

Was hilft dagegen?
Neutralisieren des basischen pH-Wert durch Säuren z.B. Huminsäuren auf frischem Kompost.
Zum Neutralisieren geht auch noch Urin mit der Harnsäure recht gut. Der Urin enthält auch einige Fette, die die Tenside binden.

Verdünnen und breit ausbringen - "die Dosis macht das Gift", je verdünnter desto weniger Probleme.

Wenn, wie in deinem Beispiel Urin von 1 - 2 Personen + Spülwasser gesammelt werden, dann wird von den Tensiden wenig bleiben.
Bei der Verdünnung empfehle ich 1:10, was die normale Verdünnung für Urin ist, denn der Stickstoff im Harnstoff ist für die Mikroorganismen zu konzentriert und macht sonst Schaden.
Holz kannst du mit Urin-Verdünnung gut verrotten, dem Holz fehlt ja vor allem N, das die Mikroorganismen für Eiweißaufbau brauchen (Eiweiße bestehen aus Aminosäuren, diese haben die Aminogruppe -NH2). Der im Urin enthaltene Phosphor hilft auch.
Lege aber unter den Holzhaufen eine PE-Folie oder ähnliches um überschüssige Flüssigkeit aufzufangen, denn oft läuft der Urin teilweise durch und versickert im Grundwasser und belastet dieses (v.a. auf sandigen Böden, auf schweren Lehmen, Löss und Ton eher nicht, da brauchst du auch keine Folie).


Die Tensidprobleme im Wasser liegen nicht an den Tensiden insgesamt, sondern an phosphorhaltigen Tensiden (früher in allen Tensiden wegen hoher Reinigungswirkung, heute nur noch in Geschirrspülertensiden und solchen aus manchen Drittländern).
Heute filtern Klärwerke viel vom Phosphor aus dem Abwasser, um die Flüsse nicht zu eutrophieren (Begrenzende Faktoren für Pflanzenwuchs: Primärer Faktor: im Meer lösliches Eisen (durch pH-Wert), in Süßwasser löslicher Phosphor, in Landökosystemen löslicher Stickstoff, deswegen explodieren die Algen im Süßwasser bei Phosphorgabe und phosphorhaltigen Tensiden, da es zu wenig löslichen Phosphor gibt und sie sich auf alles stürzen, was sie finden).

Beste Grüße
Volker
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  1. vor 1 Monat
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hej Miren, ich habe meine Kollegin nike gefragt, und die schreibt:

ja, komplexe Geschichte. Es gibt ja unglaublich viele verschiedene Tenside... Aber auch hier ist die Problematik in der aquatischen größer als in der terrestrischen Umwelt.

Wenn jetzt klar ist dass nur biologisch gut abbaubar und es ne lagerungszeit gibt, in welcher die Primärtenside schon abgebaut werden und insbesondere ihre Eigenschaft die Oberflächenspannung von Wasser/hydrophilen Flüssigkeiten zu verändern einbüßen, würde ich davon ausgehen, dass der Weg über Kompost und Pilze und die ganze Organismenkaskade eher hilfreich ist.

Die Dosierung ist wie immer entscheidend. ("Die Dosis macht das Gift")
Ggf. nur einen Teil holzhäcksel damit tränken und einen andereren Teil "unseifiges" Wasser wässern, dann gibt es alle möglichen Mikrohabitate.
Möglich? und über ausprobieren dann die Dosis rausfinden, die denn Abbau nicht hemmt/zu stark verlangsamt?

Interessant wird es wohl nochmal mit dem pH. Hast du eine Möglichkeit den zu messen/bestimmen (teststäbchen a d apotheke)? Denn sowohl gelagerter Urin als auch Seifen reagieren ja alkalisch/erzeugen einen hohen pH. Pilze sind ja aber auch sehr unterschiedlich tolerant, aber meines Wissens die meisten glücklich in einem Bereich von 3,5-6,5, also eher sauer bis leicht saurer (-> Waldboden))

-> Falls zu alkalisch: ne (Milch-)saure Fermentation dazwischenschalten könnte möglich sein, allerdings kenne ich mich da wiederum nicht so gut aus, aber das ließe sich ja ggf. schnell mal mit ein paar testgläsern ansetzen und ausprobieren. (könnte ggf. auch direkt dann im sammeltank passieren, falls denkbar. oder saure Substratstoffe/Zuschlagstoffe auf dem kompost. -> wie gehst du bisher damit um?

tut mir leid, einen schnellen einfachen online link habe ich dazu auch nicht parat. zu den pilzen habe ich gerade nochmal in nem "grundlagen der bioabfallwirtschaft" (ulrike stadtmüller) buch nachgeschaut..

kurzum ich würde das wasser verwenden, und testweise vorgehen, und die sache mit dem tlw. tränken/tlw. mit anderem befeuchten würde ich ausprobieren, selbst wenn nur ein teil genutzt werden kann ist doch gut.

Wie gesagt, ich gehe davon aus, dass ein terrestrischen / also Komopost / System geeigneter ist. aber sollte das alles nicht gut (genug) klappten, wäre der Weg über eine Pflanzenkläranlage, wo der Stickstoff aus dem abwasser/urin tlw. chemisch in pflanzen gebundene wird (tlw. als luftstickstoff und tlw. noch im ablaufwasser). Die Pflanzen können nach der Mahd in den kompost wandern.. Die Anlagen werden relativ groß ausgelegt und es leben dort zumeist keine pilze; die Kontaktoberfläche
ist sehr gut und durch batch-beschickung und wasserpflanzen immer gut belüftet. da schaffen die organismen das im bepflanzten filterkörper das ja auch mit den tensiden zurechtzukommen (inkl. waschmaschine, putzmitteln.. na klar auch nur wenn die biolog. abbaubar sind) (http://www.oikotec.de/Abwasser/Pflanzenklaeranlage-91466.html)
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